Das graue Grauen

Manchmal überkommt das graue Grauen das Dorf in den Bergen. Würden sie es einem Fremden beschreiben, würden sie sagen, es sei der Nebel. Oder schlechtes Wetter. So unbestimmt, halt. Sie würden es zu beschreiben versuchen, irgendwie logisch, wettermässig, meteorologisch.

Aber unter sich wissen alle, das graue Grauen ist viel mehr als der Nebel. Viel mehr als die tief hängenden Wolken im Tal. Viel mehr als die unbestimmten Konturen der Landschaft.

Die einen sagen vom grauen Grauen, es sei ein böser Geist, der sich auf die Seelen legt, der Berggeist, der herabsteigt und alle zu zerstören sucht, der ihnen die Luft nimmt und sich auf die Brust setzt. Immer werden viele krank in der Zeit des grauen Grauens, das manchmal wochenlang das Dorf heimsucht im frühen Winter.

Die Moderneren sprechen von Psyche und Depressionen. Geister sind ihnen fremder als den anderen.

Aber im Prinzip meinen alle das Gleiche. Kommt das graue Grauen von den Bergen herunter, ducken sich die Leute im Dorf zusammen, schliessen sich ein in ihren Häusern, legen sich in ihre Betten und alles ist wind und weh, alle sind traurig und verzweifelt, wie unter einer Last, unter einem Fluch.

Niemand wusste im Nachhinein so genau, wer die Geschichte vom Fluch in die Welt gesetzt hatte. Die einen sagten, es sei die alte Anna gewesen, die immer so geheimnisvoll tat und sich als altertümliche Kräuterhexe ausgab, nur weil sie Umsatz machen wollte in ihrem kleinen Tourismusgeschäft. Andere allerdings hatten Eva im Verdacht. Es war allgemein bekannt, dass Eva nur Augen hatte für den schönen Jonathan. Der wiederum hatte nur Augen fürs Biertrinken mit Kollegen, für die Jagd und den Turnverein. Und man weiss ja, wie die Mädchen sind, wenn sie nicht bekommen, was sie wollen, sagte man im Dorf.

Es ist also durchaus möglich, das Eva sich die Geschichte ausgedacht hatte mit dem Fluch und der Erlösung. Schlimm ist nur, dass sie alle nach und nach daran geglaubt hatten.

Und so zog Jonathan dann wirklich eines Tages aus, um den Fluch zu beheben. Mitten in der Zeit des grauen Grauens. Im Nachhinein war natürlich allen klar, dass das eine dumme Idee war, diese ganze Geschichte, aber da war es schon zu spät. Jonathan kam nie zurück. Zwar fand man seine Leiche nie, aber allen war klar, dass er irgendwo am Nebelhorn abgestürzt sein musste und sein Leben liess wegen einer verrückten Idee, einer Mischung aus Aberglauben und Horrormärchen.

Jonathans Tagebuch:

11.11

Der Nebel hängt wieder tief im Tal. Alle spinnen. Die K. von der Bäckerei ist fangs so depressiv, dass sie den Laden grad nur noch ein paar Stunden aufmacht. Kein frisches Brot für den Znüni. Und alle erzählen sich diese gespenstische Geschichte vom Fluch. Ob wohl ein ganzes Dorf kollektiv verrückt sein kann?

13.11. Freitag..

Kaum mehr auszuhalten. Dieses Jahr ist es besonders schlimm. Ich wage schon kaum mehr die Wetterprognosen zu schauen. Würde am liebsten auswandern. Nach Australien. In die Wüste. Nur Sonne, einfach mal für 2 Jahre weg. Scheisstag heute. Zwei Schafe entlaufen, habe sie nicht wieder gefunden.

14.11.

Heute hat mich E. wieder angemacht im Löwen. Es war schon richtig peinlich. Ich weiss nicht, wie ich es ihr noch sagen soll. Sie soll doch den Andi nehmen, der ist so verliebt in sie. Und würde sich sicher kümmern. Ich möchte noch etwas sehen von der Welt. Nicht einfach heiraten und Kinder in die Welt setzen. Und wenn, dann nicht hier, in diesem ewigen, deprimierenden Nebelloch.

18.11.

Die Schafe waren im Schattloch oben. Ob sie sich wirklich nur verlaufen hatten, oder ob der Mich ein schlechtes Gewissen bekommen hatte?

Die Leute hier sind verrückt. Jetzt fangen sie schon am Stammtisch an mit dem Fluch. Ich glaube, insgeheim ist ihnen einfach langweilig in diesen Nebeltagen. Sie kommen auf die absonderlichsten Ideen.

23.11

Was für ein ENGES Tal. Was für ENGE Leute!

27.11.

Wenn Eva nicht bald aufhört, plane ich bald mal meinen Abgang. Heute schon wieder blossgestellt. Ich kann sie mir kaum noch vom Leib halten. Was für eine Furie. Tut die doch einfach so, wie wenn wir zusammen wären. So peinlich.

29.11.

Immer noch Nebel. Sonntagnachmittag und Nebel. Ich hasse dieses Dorf……Vielleicht sollte ich wirklich einen spektakulären Abgang machen. Ab nach Australien.

30.11. 00:30

Kann nicht schlafen. Was, wen ich einfach losmarschieren würde? Vater wäre stinksauer. Wenn ich allerdings sagen würde, ich würde den Fluch aufheben. Aufs Nebelhorn und da mit dem Nebelhornmannli reden J Und statt dessen ab nach Australien.

1.12.

Ich weiss, wo Mutter den Schmuck versteckt hatte. Könnte ja schlecht vom Konto was abheben. Aber den Schmuck, den hat der Vater nie gefunden. Das würde reichen für ein halbes Jahr Reisen in Australien. Oder Neuseeland, das wäre vielleicht noch besser.

2.12.

Immer noch Nebel. Es macht mich verrückt. Habe heute dem Andi gesagt, ich würde das Nebelmannli aufsuchen. Er hat mich ausgelacht. Aber ich bin sicher, er geht gleich und erzählt es der Eva.

3.12

Was habe ich gesagt. K von der Bäckerei heut morgen ganz aufgeregt. Sie hat mir irgend so einen Rosenkranz gegeben. Meinte, der 6. Dez. wäre ein guter Tag. Heilig und so. Na also, dann also der 6. Wahrscheinlich muss ich zu Fuss los bis ins Tal runter. Kann ja schlecht sagen, ich gehe mit dem Auto aufs Nebelhorn. Aber wenn ich früh losgehe, dann bin ich am Abend auch in Zürich. Den Flug buche ich lieber da. Die schauen sicher auf meinem Compi nach. Ist doch geil. Drei Tage und freedom for my soul J

4. 12.

E war heute noch komischer als sonst. Wütend? Beleidigt? Mann, diese Frau würde mich glatt umbringen aus Liebe, wie sie sagt. Die hat echt den Boden verloren. Ich glaube, ich warne mal den Andi, mit wem er sich da einlassen will. Ich glaube, die spinnt wirklich.

5.12.

Nun ja, wenn Andi auch so komisch ist wie Eva, dann passt das ja. Scheinen alle wütend zu sein, dass ich gehe. Die einen sagen, ich spinne, es gebe keinen Fluch, die anderen, es sei zu gefährlich, weil es gebe den Fluch. Ich glaube, Vater weiss, was ich vorhabe. Aber sicher ist er nicht. Er weiss es und wenn ich dieses Gefühl beschreiben würde, würde ich sagen, er kann es irgendwie verstehen. Ist schon voll ok, der Vater. Glaub. Vielleicht schicke ich ihm dann eine Karte.

6.12. 13.00

Scheisse, Scheisse Scheisse, habe ich verlaufen. Warum habe ich meine Ausrüstung nicht mitgenommen und dafür die Sommerkleider? Ich bin ein Depp! Dieser verdammte Nebel. Muss warten bis morgen früh, so ist es zu gefährlich. Morgen suche ich die Hauptstrasse, egal, ob alles auffliegt. Dann geh ich halt zurück. Ich glaub, ich hätte mit Vater reden sollen. Ich glaube, er hätte mich verstanden. Hat ja selber keine Freude mehr am Hof. Vielleicht hätten wir ja auch zusammen gehen können.

6.12. 21.00

Ok, ins Tobel runtergefallen in diesem Scheissnebel, Bein wahrscheinlich gebrochen, Natel zuhause, Kompass zuhause, niemand weiss, wo ich bin, die werden am Nebelhorn suchen und wenn dieser Nebel sich nicht bald verzieht, bin ich am Arsch und sie finden mich im Frühling.

7.12 6.00

Ich werde hier krepieren. Im grossen grauen Grauen. In diesem allesverschlingenden Nebel. Eva wird sich freuen. Ich will nicht sterben. Bitte, ich will nicht sterben.

7.12. Nachts

Auch wenn sie es nie wissen werden. Es gibt den Fluch. Es gibt den Fluch und das Nebelmannli und es holt mich und es lässt mich nicht nach Australien. Was gäbe ich jetzt für eine warme Stube. Das Bein tut weh, habe vorher versucht, aus dem Tobel zu kommen, aber bin weggetreten. Durst, Hunger, Nacht. Taschenlampe fast fertig.

ICH WILL NICHT KREPIEREN!!!!

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